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Ein Versuch

Ich habe versucht
zu versuchen
während ich arbeiten muss
an meine Arbeit zu denken
und nicht an dich
Und ich bin glücklich
dass der Versuch
nicht geglückt ist


An eine Nervensäge

Mit deinen Problemen
heißt es
bist du
eine Nervensäge
Ich liebe die Spitze
und Schneide
von jedem Zahn
dieser Säge
und ihr blankes Sägeblatt
und auch ihren runden Griff
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Freiraum

Jedes Mal
wenn ich jetzt an dich denke
entsteht in meinem Kopf
ein freier Raum
eine Art Vorraum zu dir
in dem sonst nichts ist
Ich stelle fest
Am Ende jedes Tages
dass viel mehr freier Raum
in meinem Kopf
übriggewesen sein muss
Als ich sonst glaubte

Erschwerung

Dich nur einmal sehen
und dann nie wieder
muss leichter sein
als dich noch einmal sehen
und dann nie wieder sehen
Dich noch einmal sehen
und dann nie wieder
muss leichter sein
als dich noch zweimal
und dann nie wieder sehen
Dich noch zweimal sehen
und dann nie wieder
muss leichter sein als dich noch dreimal
und dann nie wieder sehen
Aber ich bin dumm
und will dich noch viele Male
sehen
bevor ich dich
nie wieder sehen kann

Fragen

Wie groß ist dein Leben?
Wie tief?
Was kostet es dich?
Bis wann zahlst du?
Wieviel Türen hat es?
Wie oft
hast du ein neues begonnen?
Warst du schon einmal
gezwungen um es zu laufen?
Wenn ja
bist du rundherum gelaufen
im Kreis oder hast du
Einbuchtungen mitgelaufen?
Was dachtest du dir dabei?
Woran erkanntest du
dass du ganz herum warst?
Bist du mehrmals gelaufen?
War das dritte Mal
wie das zweite?
Würdest du lieber
die Strecke im Wagen fahren?
Oder gefahren werden?
in welcher Richtung?
Von wem?

Erwartung

Deine ferne Stimme
ganz nahe am Telefon -
und ich werde sie bald aus der Nähe
entfernter hören
weil sie dann von deinem Mund
bis zu meinen Ohren
den langen Weg nehmen muß
hindurch zwischen deinen Brüsten
über den Nabel hin
und den kleinen Hügel
deinen ganzen Körper entlang
an dem du hinabsiehst
bis hinunter zu meinem Kopf
dessen Gesicht
vergraben ist
zwischen
deine gehobenen Schenkel
in deine Haare
und in deinen Schoß

Anleitung zur Erhaltung der Schlagkraft

Viel Feind, viel Ehr!
Feinde
sind zu weit entfernt
und meistens
zu gut gesichert
Drum ernenne Freunde
zu Feinden
und schlag ihnen
die Fresse ein
Machst du sie dadurch
erfolgreich
zu Gegnern
so kannst du dich rühmen:
Ich war der erste
der aufstand
und losschlug
im Kampf gegen sie

Dich

Dich nicht näher denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist
Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht großer nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter
Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist

You

Not to think you close
nor to think you afar
to think you where you are
because that's where you really are
Not to think you older
nor to think you younger
not bigger nor smaller
not hotter nor colder
To think you and long for you
wanting to see you
and to love you
as you really are

Ich hab dich so lieb

dass ich nicht mehr weiss
ob ich dich so lieb habe
oder ob ich mich fuerchte
ob ich mich fuerchte zu sehen
was ohne dich
von meinem Leben
noch am Leben bliebe
Wozu mich noch waschen
wozu noch gesund werden wollen
wozu noch neugierig sein
wozu noch schreiben
wozu noch helfen wollen
wozu aus den Strähnen von Lügen
und Greueln noch Wahrheit ausstrahlen
ohne dich
Vielleicht doch weil es dich gibt
und weil es noch Menschen
wie Du geben wird
und das auch ohne mich
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I love you so much

that I don't know anymore
whether I love you so much
or whether I am afraid
whether I am afraid to see
what would stay alive
of my life
without you
Why still wash myself
why still want to become healthy
why still be curious
why still write
why still want to help
why still disentangle the truth
from strands of lies and horrors
without you
Yet perhaps because you are here
and because there may be
people like you
and that even without me

In einem anderen Land

Ich kann vielleicht
deine Brüste nachbilden
aus meinem Kissen
für meine Zunge
für meine Lippen
und für meine Hände
damit sie besser
denken können an Dich
Ich kann vielleicht
deinen Schoß nachbilden
aus meinem Kissen
für mein Geschlecht
für meinen Mund
und für mein ganzes Gesicht
damit es sich besser
vergraben kann in meiner Sehnsucht
Aber deine Augen
kann ich
aus nichts nachbilden
auch deine Stimme nicht
nicht deinen Atem
nicht deinen Geruch
und keine einzige
von deinen Bewegungen
Und meine Hände
meine Lippen
meine Zähne
und meine Zunge
und auch mein Geschlecht-
das alles
will nur dich
und keinen Ersatz für dich
Und auch deine Brüste
kann ich nicht wirklich nachbilden
und auch nicht deinen Schoß
und wenn ich es versuche
werde ich immer
nur traurig
und du
fehlst mir noch mehr

Inschrift

Sag
in was
schneide ich
deinen Namen?
In den Himmel?
Der ist zu hoch
In die Wolken?
Die sind zu flüchtig
In den Baum
der gefällt und verbrannt wird?
Ins Wasser
das alles fortschwemmt?
In die Erde
die man zertritt
und in der nur
die Toten liegen?
Sag
in was
schneide ich
deinen Namen?
In mich
und in mich
und immer tiefer
in mich


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Was ist Leben?

Leben
das ist die Wärme
des Wassers in meinem Bad
Leben
das ist mein Mund
an deinem offenen Schoß
Leben
das ist der Zorn
auf das Unrecht in unseren Ländern
Die Wärme des Wassers
genügt nicht
ich muss auch darin plätschern
Mein Mund an deinem Schoß
genügt nicht
ich muss ihn auch küssen
Der Zorn auf das Unrecht
genügt nicht
Wir müssen es auch ergründen
und etwas
gegen es tun
das ist Leben

Zwischenspiel

Und wenn mein Zeigefinger
schon nass ist von dir
mir noch Zeit nehmen
und mit seiner Kuppe
auf deinen Bauch
ein Herz malen
so dass dein Nabel
mitten im Herzen die Stelle ist
wo angeblich Amors Pfeil
das Herz durchbohrt hat
und dann erst
wenn du erraten hast
dass es ein Herz war
was ich auf dich gezeichnet habe

Nachtgedicht

Dich bedecken
nicht mit Küssen
nur einfach
mit Deiner Decke
(die Dir
von der Schulter
geglitten ist)
daß Du
im Schlaf nicht frierst
Später
wenn Du
erwacht bist
das Fenster zumachen
und Dich umarmen
und Dich bedecken
mit Küssen
und Dich
entdecken

Das richtige Wort

Nicht Schlafen mit dir
nein: Wachsein mit dir
ist das Wort
das die Küsse küssen kommt
und das das Streicheln streichelt
und das unser Einatmen atmet
aus deinem Schoß
und aus deinen Achselhöhlen
in meinen Mund
und aus meinem Mund
und aus meinem Haar
zwischen deine Lippen
und das uns die Sprache gibt
von dir für mich
und von mir für dich
eines dem anderen verständlicher
als alles
Wachsein mit dir
das ist die endliche Nähe
das Sichaneinanderfügen
der endlosen Hoffnungen
durch das wir einander kennen
Wachsein mit dir
und dann
einschlafen mit dir

Wollen

Bei dir sein wollen
mitten aus dem was man tut
weg sein wollen
bei dir verschwunden sein
Nichts als bei dir
näher als Hand an Hand
enger als Mund an Mund
bei dir sein wollen
In dir zärtlich zu dir sein
dich küssen von außen
und dich streicheln von innen
so und so und auch anders
Und dich einatmen wollen
immer nur einatmen wollen
tiefer tiefer
und ohne Ausatmen trinken
Aber zwischendurch Abstand suchen
um dich sehen zu können
aus ein zwei Handbreit Entfernung
und dann dich weiterküssen

Abschrift einer Inschrift

in der Rinde des Baumes der Erkenntnis
Wenn
dein Gott
zuviel Wert
auf Anbetung
legt
ist er
der Teufel
oder
des Teufels
oder
doch
auf dem
besten
Wege
zu ihm

Alte Andacht

Damit ich deinen Schoß
besser liebkosen kann
hast du ihn offengehalten
mit zwei Fingern
wie Ischthar und Lilith
und wie die steinerne oder
hölzerne Sheela
in alten irischen Kirchen
die ich früher erstaunt
vor Augen sah
Aber wenn ich jetzt
mit geschlossenen Augen
zurückzuschauen versuche
sehe ich keine Gottheit
nur immer dich
wie du
dich mir gezeigt hast
schöner als jede Göttin
aus Holz
oder Stein
Sheela oder Sheela-i-gig, Abbild einer archaischen Erdmutter oder Fruchtbarkeits- oder Liebesgöttin, die ihren Schoß weit offen hält. In alten irischen und manchmal nordenglischen Kirchen zu finden, meist als Gewölbeschlußstein oder Mauerverzierung.

Der Hals

Das ist die Felswand
am vom Kinn überhangenen Bergweg
der über die Brüstung vom linken
zum rechten Schlüsselbein führt
Das ist die Stelle
die ausgesetzt ist den Würgern
und dem Messer
das die Kehle durchschneidet
Das ist der Adamsapfel
der manchmal hilflos hüpft
das ist die Gurgel
die viel zuviel schlucken musste
Das ist der stoppelige
spärliche Bartwuchs
unter dem Kinn
der vergessen bleibt beim Rasieren
Das ist der Hals
der hart sein kann und weich
dem manchmal die Luft ausgeht
und den man auch streicheln könnte

Entmystifizierung des Sex

Du sagst
ich soll nicht
Liebe
und Lieben sagen
Das bringt nichts mehr
meinst du
und ist zu mystisch
und zu verschwommen
Nun ja
ich kann natürlich
auch die Zähne zusammenbeißen
und Bumsen sagen
oder vielleicht sogar
Ficken sagen
wie du
doch du weißt gar nicht
wie mich das
abregt

Erotik

Befreiung mit dir
damit wir nie mehr
schamlos sein müssen
und nicht mehr erklären müssen:
´´Es ist doch
nichts weiter dabei´´
Endlich können wir tun
du mit mir
ich mit dir
alles was wir wollen
auch das
wobei viel ist
und was wir sonst nie getan haben
und was wir nicht sagen werden
irgendwem



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Fast Glück

Kann jetzt auf einmal
fast alles
wieder
fast alles
bedeuten
nicht nur Hartnäckigkeit
und Mut
sondern auch fast wieder
noch Hoffnung?
Und kann das wirklich
fast durch Zufall
und wirklich noch
oder fast noch
zur rechten Zeit
so gekommen sein?
Und wenn das so sein kann
muss dann nicht auch die Angst
die zum Glück
jetzt vor Glück
fast unsichtbar ist
wieder kommen
und muss sie nicht sogar
fast noch größer werden?
Die Angst
dass es wieder
verloren gehen könnte
und dass das dann
fast nicht zu ertragen wäre

Halten

Halten - das heißt
nicht weiter - nicht näher - nicht einen Schritt
Oder heißt Schritthalten
Oder ein Versprechen - mein Wort
Oder Rückschau
Halten - dich
Mich zurück - den Atem an - mich an dich
Dich fest
Aber nicht
Dir etwas vorenthalten
Halten - dich in den Armen
In Gedanken - im Traum - im Wachen
Dich hochhalten
gegen das Dunkel
des Abends - der Zeit - der Angst
Halten - dein Haar mit zwei Fingern
deine Schultern - dein Knie - deinen Fuß
Sonst nichts mehr halten
keinen Trumpf
keine Reden
keinen Stecken und Stab
und keine Münze im Mund

Himmelsqualen

Die Hölle der Heiligen ist es
aus den Seligkeiten des Himmels
hinabzuschauen
auf die immerwährenden Qualen
der Menschen auf Erden
und niemals helfen zu können
und umweht von den himmlisch kühlen
erfrischenden Düften
mitansehen und
mitfühlen und riechen zu müssen
in Ewigkeit

Kein Stillleben

Wie du hier liegst
Offen
Zwischen mir und meinem Tod
Kannst du beides zugleich sein
Mein Tod und mein Leben
Mir näher als mein Geschlecht
Und duftend nach dir und nach mir
Weil wir das Leben verlachen
Kannst du jetzt lachen
Weil wir das Leben beweinen
Kannst du jetzt weinen
Und kannst lachen
Und weinen zugleich
Weil wir leben und sterben
Zum Titel: Die deutsche Rechtschreibregel gegen dreifaches l scheint mir in solchen Fällen falsch.-

Wie der Herrpapst will

Dieser gegenwärtige Papst aber
wird euch endgültig lehren
euch nicht einfach
ineinander zu entleeren
und beim Euch-Vermehren
nicht den Sinnen euch zuzukehren
sondern euch das
im Namen des Hohen und Hehren
ein für alle Mal zu verklären
und so ihn selbst
und Gott
gebührend zu ehren

Aber

Zuerst habe ich mich verliebt
in den Glanz deiner Augen
in dein Lachen
in deine Lebensfreude
Jetzt liebe ich auch dein Weinen
und deine Lebensangst
und die Hilflosigkeit
in deinen Augen
Aber gegen die Angst
will ich dir helfen
Denn meine Lebensfreude
ist noch immer der Glanz in deinen Augen


Aufhebung

Sein Unglück
ausatmen können
tief ausatmen
so daß man wieder
einatmen kann
Und vielleicht auch
sein Unglück
sagen können
in Worten
in wirklichen Worten
die zusammenhängen
und Sinn haben
und die man selbst noch
verstehen kann
und die vielleicht sogar
irgendwer sonst versteht
oder verstehen könnte
Und weinen können
Das wäre schon
fast wieder
Glück

Dann wieder

Was keiner
geglaubt haben wird
was keiner
gewusst haben konnte
was keiner
geahnt haben durfte
das wird dann wieder
das gewesen sein
was keiner
gewollt haben wollte

Die Unwissenden

Es heißt
die von nicht gewusst hatten
waren naiv
Im Gegenteil
Es war damals
sehr praktisch
von gar nichts
gewusst zu haben
Nur Dummköpfe
oder Narren
versuchten alles zu wissen
Und die Suche
nach Wissen
brachte viele von ihnen
ums Leben
Drum fehlen uns jetzt
diese Dummköpfe
und diese Narren
so bitter

Fragen an wen

Der Sommermorgen
genügt nicht
Meine Liebe und deine Liebe
genügen nicht
(vielleicht weil diese Welt
oder unser Weltteil
oder Amerika
nicht mehr zu leben weiß?)
und sind doch die Hälfte von dem
was das Leben
lebenswert macht
Auch Inseln
sind nicht mehr Inseln
Aber wollen wir wirklich sterben
- Inseln und Festland -
und nichts mehr tun
für unser eigenes Leben?

Gegengewicht

Woher
mein Gegengewicht
nehmen
damit ich vom Leben
noch nicht
abgeworfen werde
und fortgeschleudert?
Mich halten
an meine Gedichte?
Mich halten
an meine Würde?
Mich halten
an meine Einsamkeit
in diesem Haus?
Wie erbarmenswert
sind alle
solche Methoden
kleinlich
sich klammernd
an Hoffnungen
die keine sind
Es gibt nur
ein einziges Gegengewicht
gegen Unglück:
das muss man
suchen
und finden
und das ist Glück

Lebenslauf

Ich war kein Stein keine Wolke
keine Glocke und keine Laute
geschlagen von einem Engel oder von einem Teufel
Ich war von Anfang an nichts als ein Mensch
und ich will auch nicht etwas anderes sein
Als Mensch bin ich aufgewachsen
und habe Unrecht erlitten
und manchmal Unrecht getan
und manchmal Gutes
Als Mensch empöre ich mich
gegen Unrecht und freue mich
über jeden Schimmer von Hoffnung
Als Mensch bin ich wach und müde
und arbeite und habe Sorgen
und Hunger nach Verstehen
und nach Verstandenwerden
Als Mensch habe ich Freude an meinen Freunden
und habe Freude an Frau und Kindern und Enkeln
und habe Angst um sie und Sehnsucht nach Sicherheit
und will mit Menschen sein und manchmal allein sein
und bedauere jede Nacht ohne Liebe
Als Mensch bin ich krank und alt
und werde sterben
und werde kein Stein sein
keine Wolke und keine Glocke
sondern Erde oder Asche
und darauf kommt es nicht an.

Krank

für David Cooper
Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft
nie verstoßen hat und nie verstößt
und nie verstoßen will
der ist krank
Und wer sich immer noch nicht krank fühlt
an dieser Zeit
in der wir leben müssen
der ist krank
Wer sich seiner Schamteile schämt
und sie nicht liebkost und die Scham
anderer die er liebt nicht liebkost ohne Scham
der ist krank
Wer sich abschrecken lässt
durch die die ihn krankhaft nennen
und die die ihn krank machen wollen
der ist krank
Wer geachtet sein will
von denen die er verachtet
wenn er den Mut dazu aufbringt
der ist krank
Wer sein Mitleid dazu gebraucht
die Kranken nicht zu bekämpfen
die um ihn herum andere krank machen
der muss krank sein
Wer sich zum Papst der Moral
und zum Vorschriftenmacher
der Liebe macht
der ist so krank wie der Papst
Wer glaubt dass er Frieden haben kann
oder Freiheit
oder Liebe
oder Gerechtigkeit
ohne gegen seine eigene Krankheit
und die gegen seiner Feinde und Freunde
und seiner Päpste und Ärzte zu kämpfen
der ist krank
Wer weiß dass er weil er gesund ist
ein besserer Mensch ist
als die kranken Menschen um ihn herum
der ist krank
Wer in unserer Welt
in der alles nach Rettung schreit
keinen einzigen Weg sieht zu retten
der ist krank



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Lebendig?

Einer behauptet
er lebt
und will das beweisen
indem er sagt
er hat gegessen
gelacht
getrunken
und fast geweint
Das
beweist nichts
Das haben
auch alle
die tot sind
getan




Sucht

Ich wünsche manchmal
ich könnte
mich an dir sattküssen
aber dann müsste ich sterben
vor Hunger
nach dir
denn je mehr ich dich küsse
desto mehr muss ich dich küssen:
Dich Küsse nähren nicht mich
nur meinen Hunger

Nur küssen

Drei Worte mit nur
sind mehr Glück für mich als fast alles
was wir im Leben sonst
tun dürfen oder müssen
Die drei Worte sind:"Dich nur küssen"
"Mich nur küssen
und sonst nichts?
ist das alles
was du an Glück
noch hast?"
Nicht ganz
Denk "im Falle des Falles"
an meine Worte zurück:
Ich sagte doch
vorsichtig
"fast"



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Spruch

Laß die wilden Tiere
in Ruh:
Keines mordet
wie du

Wintergarten

Deinen Briefumschlag
mit den zwei gelben und roten Marken
habe ich eingepflanzt
in den Blumentopf
Ich will ihn
täglich begießen
dann wachsen mir
deine Briefe
Schöne
und traurige Briefe
und Briefe
die nach dir riechen
Ich hätte das
früher tun sollen
nicht erst
so spät im Jahr

Um Schönheit

Schönheit?
Nicht machtlos
aber in mancher Gestalt
nur in den Augen der Machtlosen aufblinkend flüchtig
nur am entfernteren Rand des ungelebten Lebens
(des zuerst lange noch nicht und zuletzt nicht mehr gelebten)
sie ist dann wenig mehr
als Maske des Todes
So leuchtet eine Frau auf oder ein Mädchen
vor den Augen des Knaben der viel zu jung scheint vor Glück
aber vielleicht nur weil er noch nicht wagt wirklich zu leben
Grauer um jede nicht aufgebrochene Stunde
wird unsere Zeit
unfreier unsere Welt
In Wirklichkeit nie mehr unser
wenn wir uns nicht losreißen lernen
(nicht von allem
aber von mehr
als die Ratgeber raten)
wenn wir nicht endlich offen zu tun beginnen
was wir geträumt haben vor dem bleiernen Tag
Gewiß:
Die uns warnen vor der Gefahr
sind erfahren
aber oft nur erfahren im Sich-Beugen
Keine Todesgefahr kann so groß sein
wie die Lebensgefahr
zu versäumen
gelähmt vom eigenen Zögern
die einzige Zeit

Von deiner inneren Freiheit

Nur nachts im Traum
willst du immer
alles erkennen
und liegen in meinem Arm
und sprechen und ehrlich
und frei sein
Aber im Alltag
trittst du zu wenig ein
für dich und für mich
und weichst Schritt
um Schritt
zurück von dem
was du denkst
und geplant hast
Nur im Alltag
Trittst du zu wenig ein
Für dich und für mich
Und weichst Schritt
um Schritt
zurück von dem
was du denkst
und geplant hast
Aber nachts im Traum
Willst du immer alles erkennen
Und liegen in meinem Arm
Und sprechen
Und ehrlich
Und frei sein



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Von einem Sündenfall

Dass sie blind macht
ist fast schon Verleumdung
Aber von Liebe bleibt
in der Erkenntnis mehr
als von der Erkenntnis bleibt
in der Liebe
Im Paradies
wuchs der Baum der Erkenntnis
Auch der Baum des Lebens
soll noch dort gestanden haben
aber der Baum der Liebe
war damals schon umgehauen
Ein Ast von ihm
ringelte sich zur Schlange






Was?

Was bist du mir?
Was sind mir deine Finger
und was deine Lippen?
Was ist mir der Klang deiner Stimme?
Was ist mir dein Geruch
vor unserer Umarmung
und in ihr
und nach ihr?
Was bist du mir?
Was bin ich dir?
Was bin ich?

Wo lernen wir?

Wo lernen wir leben
und wo lernen wir lernen
und wo vergessen
um nicht nur Erlerntes zu leben?
Wo lernen wir klug sein
die Fragen zu meiden
die unsere Liebe nicht einträchtig machen
und wo
lernen wir ehrlich genug sein
trotz unserer Liebe
und unserer Liebe zuliebe
die Fragen nicht meiden?
Wo lernen wir
uns gegen die Wirklichkeit wehren
die uns um unsere Freiheit
betrügen will
und wo lernen wir träumen
und wach sein für unsere Träume
damit etwas von ihnen
unsere Wirklichkeit wird?

Zum Beispiel

Manches
kann lächerlich sein
zum Beispiel
mein Telefon
zu küssen
wenn ich
deine Stimme
in ihm gehört habe
Noch lächerlicher
und trauriger
wäre es
mein Telefon
nicht zu küssen
wenn ich nicht dich
küssen kann

Aber solange ich atme

Auch was
auf der Hand liegt
muss ich
aus der Hand zu geben
bereit sein
und muss wissen
wenn ich liebe
dass es wirklich
die Liebe zu dir ist
und nicht nur
die Liebe zur Liebe zu dir
und dass ich nicht
eigentlich
etwas Uneigentliches will
Aber
solange ich atme
will ich
wenn ich den Atem
anhalte
deinen Atem
noch spüren
in mir



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Abschied


Das Gute
fliegt jetzt davon
dorthin
wo alles
nicht immer
in die Vergangenheit fällt
sondern täglich
auf-
und untergeht
wie die Sonne

Auf der Heimfahrt nach Ithaka

Zwischen Niewieder
und Immerwieder
das Glück
oder das
was ihm ähnlich sieht
was zurückweicht
beim Näherkommen
aber winkt
als gäbe es es
(als gäbe es dich
als gäbe es mich
als gäbe es
ein Uns-Einander-Geben)
Es ist natürlich
leicht erkennbar
als Unglück
aber nur
sekundenlang
nur mit aufgerissenen Augen
die noch brennen
nach einem Blick
auf das Glück
Dann lockt es wieder
mit halbgeschlossenen Lidern
und was so lockt
- meint man -
kann doch das Unglück
nicht sein
Das Unglück
oder das Glück
oder was immer es ist
hält seine schmale
zerbrechliche Hand
im Schoß
und hält seinen Schoß
in der Hand
und hat helles Haar
und spricht
oder singt
mit weicher Stimme
für Ohren
die sonst nichts mehr
hören wollen
als es

Dich

Dich
dich sein lassen
ganz dich
Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will
Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln
Dich dich sein lassen
ob das schwer ist oder leicht?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht oder Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem -
nach allem
was du ist
Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit
Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer
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Eine Schande

Die uns krank gemacht haben
haben uns beigebracht:
"Krankheit
ist eine Schande"
So konnten sie die Krankheit
noch ärger machen
Vielleicht aber
haben sie manchmal recht
und Krankheit
ist eine Schande
nämlich für die
die uns krank gemacht haben

Heilungsvollzug

"Und mache ihn wieder
normal
damit er
zu dieser
Welt paßt"
Wie elend dieser Auftrag ist
das hängt davon ab
wie blutig
die Welt ist
und wie menschenfeindlich
die Norm
Denn keiner soll passen
zu dieser Welt
wie das Brennholz
zur Flamme
Sondern nur
wie der
der ihn löscht
zum Brand

In Gedanken

Dich denken
und an dich denken
und ganz an dich denken und
an das Dich-Trinken denken
und an das Dich-Lieben denken
und an das Hoffen denken
und hoffen und hoffen
und immer mehr hoffen
auf das Dich-immer-Wiedersehen
Dich nicht sehen
und in Gedanken
dich nicht nur denken
sondern dich auch schon trinken
und dich schon lieben
Und dann erst die Augen aufmachen
und in Gedanken
dann erst dich sehen
und dann dich denken
und dann wieder dich lieben
und wieder dich trinken
und dann
dich immer schöner und schöner sehen
und dann dich denken sehen
und denken
daß ich dich sehe
Und sehen daß ich dich denken kann
und dich spüren
auch wenn ich dich
noch lange nicht sehen kann

Herrschaftsfreiheit

Zu sagen
"Hier herrscht Freiheit"
ist immer ein Irrtum
oder auch
eine Lüge:
Freiheit
herrscht nicht

Ich

Ich habe viele Vornamen
alle enden auf "l"
männl
menschl
unerträgl
unmögl
ängstl
eigentl
wesentl
sterbl
hoffentl
vergebl

Was weh tut

Wenn ich dich
verliere
was
tut mir dann weh?
Nicht der Kopf
nicht der Körper
nicht die Arme
und nicht die Beine
Sie sind müde
aber sie tun nicht weh
oder nicht ärger
als das eine Bein immer wehtut
Das Atmen tut nicht weh
Es ist etwas beengt
aber weniger
als von einer Erkältung
Der Rücken tut nicht weh
auch nicht der Magen
die Nieren tun nicht weh
und auch nicht das Herz
Warum
ertrage ich es
dann nicht
dich zu verlieren?

Kleine Nachtwache

Wenn Nichts gekommen ist
um mich zu trösten
dann heißt mein nächster Besucher
vielleicht wieder Nichts
Dann muss ich fragen:
"Bitte, heißen Sie wieder Nichts
mit oder ohne e
was natürlich das Gegenteil wäre
denn dann
wären Sie ja
ein Widersacher
des Nichts?"
Aber ich fürchte
er antwortet
darauf
nichts
Dann bin ich
für nichts
und wieder nichts
wachgeblieben

Nacht in London

Die Hände
vor das Gesicht halten
und die Augen
nicht mehr aufmachen
nur eine Landschaft sehen
Berge und Bach
und auf der Wiese zwei Tiere
braun am hellgrünen Hang
hinauf zum dunkleren Wald
Und das gemähte Gras
zu riechen beginnen
und oben über den Fichten
in langsamen Kreisen ein Vogel
klein und schwarz
gegen das Himmelblau
Und alles
ganz still
und so schön
daß man weiß
dieses Leben lohnt sich
weil man glauben kann
daß es das wirklich gibt

Nur nicht

Das Leben
wäre
vielleicht einfacher
wenn ich dich
gar nicht getroffen hätte
Weniger Trauer
jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst
vor der nächsten
und übernächsten Trennung
Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet
Das Leben
wäre vielleicht
einfacher
wenn ich dich
nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht
mein Leben







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Trennung

Der erste Tag war leicht
der zweite Tag war schwerer
der dritte Tag war schwerer als der zweite
Von Tag zu Tag schwerer:
der siebente Tag war so schwer
daß es schien er sei nicht zu ertragen
Nach diesem siebenten Tag
sehne ich mich
schon zurück

Gewalt

Die Gewalt fängt nicht an
wenn einer einen erwürgt
Sie fängt an
wenn einer sagt:
"Ich liebe dich:
Du gehörst mir!"
Die Gewalt fängt nicht an
wenn Kranke getötet werden
Sie fängt an
wenn einer sagt:
"Du bist krank:
Du musst tun was ich sage"
Die Gewalt fängt an
wenn Eltern
ihre folgsamen Kinder beherrschen
und wenn Päpste und Lehrer
Selbstbeherrschung verlangen
Die Gewalt herrscht
wo irgendwer
oder irgendetwas
zu hoch ist
oder zu heilig
um noch kritisiert zu werden
oder wo die Kritik nichts tun darf
sondern nur reden
und die Heiligen und die Hohen
mehr tun dürfen als reden
Die Gewalt herrscht dort wo es heißt:
"Du darfst Gewalt anwenden"
aber oft auch dort wo es heißt:
"Du darfst keine Gewalt anwenden"
Die Gewalt herrscht dort
wo sie ihre Gegner einsperrt
und sie verleumdet
als Anstifter zur Gewalt
Das Grundgesetz der Gewalt
lautet: "Recht ist, was wir tun.
Und was die anderen tun
das ist Gewalt"
Die Gewalt kann man vielleicht nie
mit Gewalt überwinden
aber vielleicht auch nicht immer
ohne Gewalt

Durcheinander

Sich lieben
in einer Zeit
in der Menschen einander töten
mit immer besseren Waffen
und einander verhungern lassen
Und wissen
daß man wenig dagegen tun kann
und versuchen
nicht stumpf zu werden
Und doch
sich lieben
Sich lieben
und einander verhungern lassen
Sich lieben und wissen
daß man wenig dagegen tun kann
Sich lieben
und versuchen nicht stumpf zu werden
Sich lieben
und mit der Zeit
einander töten
Und doch sich lieben
mit immer besseren Waffen

Gedankenfreiheit

Wenn ich an deinen Mund denke
wie du mir etwas erzählst
dann denke ich
an deine Worte
und an deine Gedanken
und an den Ausdruck
deiner Augen
beim Sprechen
Aber wenn ich an deinen Mund denke
wie er an meinem Mund liegt
dann denke ich
an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Mund
und an deinen Schoß
und an deine Augen

In dieser Zeit

Gegen
das alles
du
als mein Gegengewicht
Vielleicht
wenn du wirklich
bei mir wärst
um mich zu halten
um zu liegen auf mir
in der Nacht
damit dieser Sog
mich nicht fortreißt
weil auch du
immer wieder
ankämpfst
gegen das alles
Und gegen das alles
für dich
ich
als dein Gegengewicht?
Vielleicht
wenn ich wirklich
bei dir bin
um dich zu halten

Nachtlied

Auf deine Brüste zwei Sterne
auf deine Augen zwei Küsse
in der Nacht
unter dem gleichgültigen Himmel
Auf deine Augen zwei Sterne
auf deine Brüste zwei Küsse
in der Nacht
unter den mundlosen Wolken
Unsere Küsse
und unsere Sterne müssen
wir selbst einander geben
unter wetterwendischen Himmeln
oder in einem Zimmer
eines Hauses das steht
vielleicht in einem Land
in dem wir uns wehren müssen
Doch in den Atempausen
dieses Sichwehrens
Brüste und Augen für uns
Himmel und Sterne und Küsse

Nicht dorthin

(Fragment)
Ich will nicht dorthin kommen
wo an der Stelle
der erschöpften Liebe
die Gleichgültigkeit
sich breitmacht
wo wenn das Weinen vorbei ist
das Gähnen beginnt
wo dein Fragen nach deiner Freiheit
vielleicht hartherzig wird
und wimmelt von klugen Worten
auf was du verzichtest
indem du verzichtest auf mich
- - - - Antwort
die wahr sein kann
und doch nicht - - - - - -
zählen darf
weil unter deiner
und meiner Würde
so doch - - - -
Ohne Würde aber
wo - - - - - -
unser Leben
und jede Liebe?
Noch nie hat ein Argument
Liebe gerettet
doch besser rettungslos
- - - - - - -
als - - -

Tagtraum

Ich bin so müde
daß ich
wenn ich durstig bin
mit geschlossenen Augen
die Tasse neige
und trinke
Denn wenn ich die Augen
aufmache
ist sie nicht da
und ich bin zu müde
um zu gehen
und Tee zu kochen
Ich bin so wach
daß ich dich küsse
und streichle
und daß ich dich höre
und nach jedem Schluck
zu dir spreche
Und ich bin zu wach
um die Augen zu öffnen
und dich sehen zu wollen
und zu sehen
daß du
nicht da bist

Ungewiß

Ich habe Augen
weil ich dich sehe
Ich habe Ohren
weil ich dich höre
Ich habe einen Mund
weil ich dich küsse
Habe ich
dieselben Augen und Ohren
wenn ich dich nicht
sehe und höre
und denselben Mund
wenn ich dich nicht küsse?

Volle Entfaltung

Die das Leben lieben
sagen oft nur
sie lieben eine Frau
oder ihren Schoß
oder ihre Stimme
oder sie lieben den Duft
von frischgebackenem Brot
oder ein altes Haus
oder die Sonne am Abend
Da bedeutet Liebe
vielerlei aber immer
eigentlich auch
daß sie das Leben
lieben
Die nicht
das Leben lieben
sondern nur die Idee
das Leben zu lieben
sagen laut
sie lieben das Leben
die Größe der Natur
und die Menschheit
die ihrer Herr wird
Um dieser Liebe willen
nehmen sie es dann auf sich
die die das Leben geliebt haben
umzubringen

Was es ist

Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe

Worte

Wenn meinen Worten die Silben ausfallen vor Müdigkeit
und auf der Schreibmaschine die dummen Fehler beginnen
wenn ich einschlafen will
und nicht mehr wachen zur täglichen Trauer
um das was geschieht in der Welt
und was ich nicht verhindern kann
beginnt da und dort ein Wort sich zu putzen und leise zu summen
und ein halber Gedanke kämmt sich und sucht einen andern
der vielleicht eben noch an etwas gewürgt hat
was er nicht schlucken konnte
doch jetzt sich umsieht
und den halben Gedanken an der Hand nimmt und sagt zu ihm:
Komm
Und dann fliegen einige von den müden Worten
und einige von den Tippfehlern die über sich selber lachen
mit oder ohne die halben oder ganzen Gedanken
aus dem Londoner Elend über Meer und Flachland und Berge
immer wieder hinüber zur selben Stelle
Und morgens wenn du die Stufen hinuntergehst durch den Garten
und stehenbleibst und aufmerksam wirst und hinsiehst
kannst du sie sitzen sehen oder auch flattern hören
ein wenig verfroren und vielleicht noch ein wenig verloren
und immer ganz dumm vor Glück daß sie wirklich bei dir sind

Achtundzwanzig Fragen

(ein verspätetes Geburtstagsgedicht)
Ich habe sieben Fragen:
Wie kannst du glücklich werden?
Ich habe sechs Fragen zu fragen:
Wie wird es den Menschen ergehen?
Ich habe fünf Fragen
(eine für jeden Finger):
Wie kann ich die Zeit ertragen
bis wir uns wiedersehen?
Ich habe vier Fragen
(für dich) nach vierblättrigem Klee
Ich habe drei Fragen
(die alten) für dich nach deinen drei Wünschen
Ich habe zwei Fragen:
was ich dir sein und nicht sein darf?
Ich habe eine Frage:
Wie ich dich glücklich seh?

Altersunterschied

Einmal
wenn du älter wirst
werde ich nicht mehr älter werden
Irgendwann werde ich dann
vielleicht
zu jung sein für dich
Jetzt aber
habe ich noch Angst
daß ich zu alt bin
Manchmal möchte ich drum
für mein Leben gern
sterben

Das Herz in Wirklichkeit

Das Herz
das gesagt hat
"Laß dir nicht bang sein um mich"
friert
und ist bang um die
der es das
gesagt hat

Entgegnung gegen eine Enteignung

Eigentlich glaube ich
das alles ist eigentlich nichts mehr:
Dieses einander Versichern
daß eigentlich alles
weitergehe
weil Freundschaft doch eigentlich nicht
daran gebunden sein könne
daß man nur immer wieder
etwas eigentlich ganz Unpersönliches
das man
eigentlich gar nicht muß
tun können dürfe
obwohl doch
eigentlich dieses Dürfen ganz unwichtig sein müsse
weil eigentlich nur die Freiheit darauf zu verzichten
das Ausschlaggebende sei
so daß eigentlich nur das
eigentlich Nebensächliche uns noch mitunter
(eigentlich grundlos) zu wichtig sein schiene
denn wir
seien eigentlich schon viel weiter als wir vermuten
was wir einander eigentlich nur noch bestätigen müßten
um uns auch richtig sicher zu fühlen und nicht mehr
heimlich zum eigentlich falschen Ergebnis zu kommen
daß wir uns eigentlich
des Eigentlichen enteignen
so daß das alles
dann eigentlich nichts mehr ist

Ich träume

Ich träume daß ich lebe
Ich träume daß ich dich kennengelernt habe
(ganz plötzlich ganz unerwartet als wäre das möglich)
Ich träume daß wir uns lieben
Ich träume daß wir uns noch immer lieben
Ich träume daß du einen anderen Mann kennenlernst
Ich träume daß du ihn liebst aber daß du ihm sagst
daß du auch mich weiter liebhaben willst
Ich träume daß er sagt er versteht das
und wir können uns weiterhin lieben
(als wäre das möglich)
Ich träume daß er sagt er erträgt das nicht gut
(nicht ganz plötzlich und nicht ganz unerwartet)
Ich träume daß du sagst du willst versuchen
unsere Liebe in bloße Freundschaft zu verwandeln
aber daß du die Freundschaft weiterhin haben willst
Ich träume er sagt er versteht das
(als wäre das möglich)
Ich träume daß ich mich damit abgefunden habe
Ich träume daß das Leben weitergeht und die Arbeit
Ich träume daß du mit ihm über alles sprichst
und er mit dir über alles so wie du das haben wolltest
Ich träume daß er unsere Freundschaft gut erträgt
und daß wir alle wenn wir nicht gestorben sind
noch heute so weiterleben
(als wäre das möglich)

Nähe

Wenn ich weit weg bin von dir
und wenn ich die Augen zumache
und die Lippen öffne
dann spüre ich wie du schmeckst
nicht nach Seife und antiseptischen Salben
nur nach dir
und immer näher nach dir
und immer süßer nach dir
je länger ich an dich denke
und manchmal nach uns
nach dir und nach mir und nach dir
Aber wenn ich bei dir bin
wenn ich dich küsse und trinke
und dich einatme
und ausatme und wieder einatme
wenn ich mit offenen Augen
fast nichts von dir sehe
ganz vergraben in dich
in deine Haut und in deine
Haare und deine Decken
die duften nach dir
dann denke ich an dein Gesicht
weit oben
wie es jetzt leuchtet
oder sich schön verzieht in rascherem Atmen
und denke an deine
klugen genauen Worte
und an dein Weinen zuletzt
im Fenster des Zuges
Wenn ich bei dir bin
ist vieles voller Abschied
und wenn ich ohne dich bin
voller Nähe und Wärme von dir

Strauch mit herzförmigen Blättern

(Tanka nach altjapanischer Art)
Sommerregen warm:
Wenn ein schwerer Tropfen fällt
bebt das ganze Blatt
So bebt jedes Mal mein Herz
wenn dein Name auf es fällt







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An dich denken

An dich denken
und unglücklich sein?
Wieso?
Denken können
ist doch kein Unglück
und denken können
an dich:
an dich
wie du bist
wie du dich bewegst
an deine Stimme
an deine Augen
an dich
wie es dich gibt -
wo bleibt da
für wirkliches Unglück
(wie ich es kenne
und wie es mich kennt)
noch der Raum
oder die Enge?

Du

Wo keine Freiheit ist
bist du die Freiheit
Wo keine Würde ist
bist du die Würde
Wo keine Wärme ist
keine Nähe von Mensch zu Mensch
bist du die Nähe und Wärme
Herz der herzlosen Welt
Deine Lippen und deine Zunge
sind Fragen und Antwort
In deinen Armen und deinem Schoß
ist etwas wie Ruhe
Jedes Fortgehenmüssen von dir
geht zu auf das Wiederkommen
Du bist ein Anfang der Zukunft
Herz der herzlosen Welt
Du bist kein Glaubensartikel
und keine Philosophie
Keine Vorschrift und kein Besitz
an den man sich klammert
Du bist ein lebender Mensch
du bist eine Frau
und kannst irren und zweifeln und gutsein
Herz der herzlosen Welt

Erwägung

Ich soll das Unglück
das ich durch dich erleide
abwägen
gegen das Glück
das du mir bist
Geht das nach Tagen
und Stunden?
Mehr Wochen
der Trennung
des Kummers
des Bangseins nach dir
und um dich
als Tage des Glücks
Aber was soll das Zählen?
Ich habe dich lieb

Liebe bekennen

Das Unbekannte
bekannt machen wollen
Das Unbekannte
nicht kennen
Das Unbekannte
nicht bekannt machen können
Das Bekannte
bekannt machen wollen
Das Bekannte
nicht Unbekannten bekannt machen wollen
Das Bekannte
immer wieder erkennen wollen
Das Bekannte
nicht immer bekannt machen wollen
Das Bekannte bekennen
Das Bekannte nur denen
die es kennen
bekannt machen können
Das Bekannte
wieder
unbekannt machen wollen
Das Unbekannte
immer noch
kennen wollen

Meine Wahl

Gesetzt ich verliere dich
und habe dann zu entscheiden
ob ich dich noch ein Mal sehe
und ich weiß:
Das nächste Mal
bringst du mir zehnmal mehr Unglück
und zehnmal weniger Glück
Was würde ich wählen?
Ich wäre sinnlos vor Glück
dich wiederzusehen

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